Lebensmüde I
- Fidel Pfahl

- 6. Jan. 2021
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Apr. 2021
Warum bleibt die Uhr nicht stehen? Sie kann es nicht. Die Zeiger tanzen munter im Kreis. Ich darf nicht weiter hinsehen. Alle Zeiger aller Uhren folgen dem Weg des Sisyphus. Unbarmherzig fallen die Zeiger eine halbe Stunde, um die nächste halbe Stunde stolz emporzusteigen. Doch was passiert schon in einer Stunde? Ein Freitod passiert.
Voller Erregung blicke ich den Zeiger an, wie er mühsam sich gegen kommende Minuten stemmt und das Zifferblatt emporsteigt. Ich bin so lebensmüde. Meine Hände zittern und meine Beine brennen. Die Zehen beginnen Taub zu werden. Es kitzelt und kribbelt leicht. Ich habe mich in Streifen geschnitten, um nur wieder festzustellen, dass ein Toter in einem lebenden Körper eingekerkert ist. Ich sollte an etwas anderes denken, egal an was.
Eine bittere Rührung überkommt mich, als ich in meinem Tagtraum entschwinde. Ich sehe eine Essecke aus Eichenholz, unbehandelt aber mit gutem Öl versiegelt. Ein rustikaler Tisch wird von vier Personen umringt. Ein Kind weint bitterlich. Es ist vielleicht sechs Jahre alt. Ein Mann mit weißem Haar sitzt auf dem kurzen Teil der Sitzbank. Er trägt ein Unterhemd. Es ist fast strahlend weiß. Seine Tätowierungen nehmen ihm die Würde und den Anstand, welches sein Alter und sein schneeweißes Haar erzeugen. Obwohl alle zusammensitzen, isst jeder für sich. Niemand scheint sich an das Wimmern und das Klagen des Kindes zu stören. Und aus des Kindes Augen fließen nicht nur Tränen, sondern auch viele Worte. Wenn man nur hinsieht, dann hört man es deutlich. Da ist die Rede von Ohnmacht, Verzweiflung und ein wimmernder Ruf nach Liebe.
Die Wirren des Tagtraums zwingen mich, meine Handflächen gegen die Wand zu stemmen. Ich spüre die Last, welche das kleine weinende Kind gerade trägt und ich vermag es kaum, die Last zu tragen. Mit kindlicher Naivität frage ich, nach dem Warum und was die Welt mit diesem Jungen erproben möchte.
Langsam setze ich mich auf den Rand der Badewanne und berühre sacht meine Schulter. Mein Arm ist erschöpft und es kostet mich viel Kraft, ihn zu heben. Leicht berühre ich meine Schulter und ich spüre die Schwellungen, die der Gürtel hinterlassen hat. So streife ich mir täglich die Maske ab, die der alte Mann im fast weißen Unterhemd mit den schneeweißen Haaren mir überzog.
„Ich will keinen Waschlappen als Sohn“, sagte er. In meinem Gesicht breitet sich ein trauriges Lächeln aus. Es ist eine weitere Stunde vergangen, ohne meinen Freitod zu besiegeln.



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