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Liebe ab Hinterhof

  • Autorenbild: Fidel Pfahl
    Fidel Pfahl
  • 9. Apr. 2021
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Apr. 2021


Liebe ab Hinterhof

– Ein Text über Liebe, Anarchie und einer ungenutzten Küche –


Von Fidel Pfahl


Die Wände sind schlicht, so einfach und in ein liebliches Grau gehüllt. Alles scheint gräulich. Seit Stunden starre ich schon an die Stuckdecke, beobachte die Schatten, wie sie durch das große Fenster hineinfallen und bedrohlich über mir tanzen. Kommen diese Schatten von draußen? Vielleicht sind es giftige Gase, welche aus meinem Kopf aufsteigen, um auf meinem Kopf herum zu tanzen.

In manch einer depressiven Phase fällt es mir schwer wahrzunehmen, was ich jetzt benötige oder gerne hätte, wo meine Grenzen liegen oder wann meine Energie erschöpft ist. Dafür fallen mir viele freundliche Gesten für die Bedürfnisse meiner Mitmenschen ein. >>Geben ist besser als Nehmen<<, denke ich mir und versuche mich damit etwas zu trösten, dass ich nichts bekomme, was meinen Schmerz lindern könnte. Es ist ein großer Schock, wenn man im Alter von 32 oder 33 Jahren feststellt, in einer Welt der Liebenden der einzige Liebessehnsüchtige zu sein. >>Doch letztlich reist jeder für sich individuell<<, denke ich weiter und wieder zweifle ich stark an meinen Gedanken. Diesmal trösten sie mich nicht.


Auch die Wand im Hinterhof ist grau und schlicht. Ich fühle mich ein Stück zu Hause. >>Hier in Wien kann man genauso depressiv sein, wie in Berlin<<, denke ich mir und fange an zu grinsen. Auch das treibt aus den Augen die Tränen, welche über die feuchten Wangen gleiten. Ohne Regung, ohne Gefühle nehme ich das Weinen, das Grinsen und das starre Liegen hin.

Es gibt hier keine Farben. Die Vorhänge fallen schwer herab und drücken auf die Seele. Das Blut verliert an Kraft und färbt sich in ein endloses Grau. Rauschen dringt von fern herein, der Klang der Großstadt springt von einer grauen Fläche an die nächste. Es könnte ein Meer sein, es könnte die Gischt sein, doch es ist die nackte Eintönigkeit, die stumpfe Routine. Eine Straßenbahn ist es, welche im Fünfminutentakt an der Altbauwohnung vorbeifährt.


So grau, so schlicht, so einfach war es schon immer, aber nicht in mir. Ich habe dir nicht geglaubt, als du sagtest, es wird Frühling in der Stadt und es wird ein Frühling in mir geben. Dennoch habe ich dein Johanneskraut, dein Gras und das Vitamin D zu mir genommen. Doch kein grüner Smoothie zerschneidet den schweren Vorhang der Depression. >>Depression, so was passiert, wenn das Blut seine Kraft verliert, wenn die Adern ergrauen und die Venen wie schwere Vorhänge alles verschließen<<, sage ich leise zu mir selbst. Es ist schön, wie ich mir die Dinge zurechtlege. Adern verlieren nicht an Farbe, Venen verschließen nichts, sondern werden selbst verschlossen. Und als Depression beschreibt man nicht den Zustand, wenn man erfährt, dass die Lieblingsserie in die letzte Staffel geht. Depression ist anders. Es ist vielleicht auch ein Ausdruck von Rebellion gegen die Verhältnisse, in denen wir leben. >>Scheiß Kapitalismus<<, pfeife ich aus halb geschlossenem Mund.


Langsam drehe ich meinen Kopf. Ich blicke zurück, ich blicke weit zurück in die Vergangenheit und sehe etwas Licht, doch ich kann nicht weiter hinsehen. Ich kann mich an Hannahs Lippen nicht mehr erinnern. Auch an das Gefühl, wenn ihre Lippen meinen Lippen langsam näherkamen und sich dann jedes Mal doch so plötzlich berührten, kann ich mich nicht mehr erinnern. Waren sie weich, deine Lippen? Waren sie etwas feucht vom Lippenstift oder warm, kalt und trocken? Ich erinnre mich nicht mehr. >>Scheiß Depression<<, schreie ich leise in mich hinein und wieder tanzen kleine Perlentränen auf meinen nassen Wangen.


Ich muss die Augen schließen. Damit langsam all das Graue, also jegliche Schlichtheit, in ein stumpfes Schwarz verwandelt wird. Fünf Minuten werde ich die Augen geschlossen halten und wenn ich dann die Augen aufschlage und die weißen schweren Vorhänge sehe, das Licht, welches an den Wänden, an den grauen Wänden des Hinterhofes hin und her springt und langsam hinunterfällt und wenn ich dann die Schlichtheit die Einfachheit der grauen Wände und der grauen Stuckdecke sehe, dann kann es sein, dass mir diese graue Eintönigkeit so hell, so freudvoll, so angenehm kühl und beruhigend erscheint. Der Hinterhof ist besser als ein Leben in völliger Dunkelheit. Liebe beginnt hier! Liebe liegt im Hinterhof ganz still, die Liebe liegt verlassen, allein und vielleicht auch zurückgewiesen, mit feuchten Wangen und starren gliedern im Bett und starrt seit Stunden schon die Decke an.


Vielleicht liegt meine Liebe noch, in Form eines Pfeiles, eines Köchers in irgendeinem Hinterhof in Kreuzberg. Vielleicht ist Armors Pfeil aus allen Wolken gefallen. Vielleicht ist der Pfeil gebrochen, doch die Spitze ist noch mit dem Liebeszauber benetzt. Die Spitze könnte so feucht sein, dass sich kleine Perlen bilden, und das Grau der Hinterhofwände spiegelt sich im Liebestrank, welcher langsam von der Pfeilspitze tropft. Der Boden im Hinterhof ist versiegelt mit grauem Beton, aber vielleicht geht etwas auf und die Liebe blüht wieder, noch diesen Frühling. Aber es muss die Liebe zu Hannah sein.

Einst hatten wir kostbare Stunden. Hannah und ich. Ich weiß nicht, wer sie uns genommen hat. Ich weiß nicht, welchen Ängsten wir dienen. Doch ich weiß, dass der Ängstliche unter den Blinden am wenigsten sieht. Zu oft leben wir wie die Ameisen, drüben im Abendland. Diese Woche nicht. Ich war im verbotenen Land, zur falschen Zeit, mit den richtigen Menschen. Nein, das ist nicht ganz wahr. Du fehltest. Hannah.

Weißt Du, dass du mir fehlst? Ich sollte dir eine kleine Notiz an den Kühlschrank kleben, jeden Tag. Doch ich werde es nicht tun.

Ja, so oft erschwindelte ich eine Geschichte, die ich dann selbst für wahr hielt. >>Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.<<, sagte Max Frisch, welcher gestern seinen 20. Todestag hatte.

Im Zug, mit dem jeder individuell reist, obwohl die Reisefreiheit beschränkt ist, habe ich soeben Kafka, Gibran, Dostojewskij und etwas Frisch gelesen. Während österreichische Agrarlandschaften in deutsche übergehen, denke ich mir, wie blöd es doch ist, dass die alten Fehler sich in neue Stoffe kleiden, dass Dummheiten niemals an beißender Würze verlieren und ich mich nicht mehr traue in die Küche zu gehen, weil ich mich fürchte, an der angelassenen Herdplatte zu verbrennen.


>>Hätten wir sein könn‘<<, denk ich mir. Dabei koche ich immer allein. Schnelle Mahlzeiten für ein zu schnelles, unbedeutendes Leben ohne Würze, aber mit vielen Geschmacksverstärkern. Tinder, Instagram und auch Facebook. Glutamat wird im Hexenkessel der Hingabe oft mit der Liebe als Zutat verwechselt. Und genau das ist fatal. Es ist so fatal. So wie es auch fatal ist, Salz statt Zucker oder Zucker statt Salz zu verwenden. Aber es ist eigentlich auch banal und egal, wenn man alleine kocht, weil jeder das auslöffeln muss, was er sich eingerührt hat.

Man kann den falschen Fraß auch in den Hinterhof kippen, vielleicht picken es die Tauben auf.


So wie Salz und Zucker durch Unachtsamkeit vertauscht werden können, so kann man auch die falschen Küsse verschenken. Küsst man nicht recht, so sind jene Küsse nur fraß für die Säue.

Doch ich küsse, ich koche nicht mehr, weil ich mich fürchte, an der Herdplatte zu verbrennen, die ich vielleicht angelassen habe. Ich gehe nicht einmal mehr in die Küche. Wie blöde und dumm ist es, nicht einen einzigen Menschen recht und innig zu lieben und heiß zu küssen, nur weil man sich fürchtet, wie Butter in der Pfanne zu zergehen.


>>Berlin Hauptbahnhof<< erklingt es aus den Lautsprechen, welche ganz schäbig und schlecht etwas Fraulichkeit in den Zug transportieren sollen. Ja, die Eisenbahn ist eine Männerwelt, welche nichts wäre ohne eine billige Elektrostimme, welche eine künstliche Weiblichkeit den Ohren der Passagiere aufzwingt.

>>Was mach ich hier in Berlin?<<, denke ich mir. Ich muss so bald wie möglich zurück nach Wien, weil dort meine Liebe verweilt. Doch ich muss auch zur Lohnarbeit. Andererseits bin ich depressiv und meine Depression ist Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse.

 
 
 

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