TRAURIG BIS WOLKIG
- Fidel Pfahl

- 12. Apr. 2021
- 2 Min. Lesezeit
Es regnet, so wie es fast jeden Tag regnet, seitdem ich in Frankfurt lebe. Und immer, wenn es regnet, gehe ich aus dem Haus.
Heute ist es anders als sonst. Ich habe meinen Mantel vergessen und meinen Regenschirm. Und jeder weiß, dass der Regen nicht barmherzig ist. Es dauert nicht lange und ich bin nass bis auf die Knochen. Nun spüre ich etwas. Der Wind kümmert sich nicht darum, ob ich die falsche Kleidung gewählt habe. Unablässig arbeitet er sich an mir ab. Und er wird nicht müde dabei. Meine Wangen beginnen zu glühen. Sie färben sich rot. Ein Beweis dafür, dass ich noch lebe.
Wie immer gehe ich still an der Oder entlang. Könnte ich mich einfach fallen lassen, dann könnte alles vorbei sein. Sich einfach treiben lassen. Untergehen, versinken im Natürlichen. Doch ich kann das nicht. Ich bin naiv. Ich glaube, dass noch etwas im Leben passiert. Auch, wenn die Erfahrung das Gegenteil schon lange bewiesen hat. So sind es nur meine Gedanken, die ich treiben lasse.
Vor mir an der Oder steht ein Mann. Er müsste in meinem Alter sein. Er hat einen heiteren Blick, welcher voller Traurigkeit ist. Vielleicht lächelt er, weil er traurig ist. Vielleicht aus Rücksichtnahme vor seinen Mitmenschen. Wer will schon einen anderen mit seinem eigenen Elend belästigen? Ich stelle mich zu ihm, ganz dicht neben ihn. Ich sage nichts. Er sagt auch nichts. Beide blicken wir auf die Oder. Die Zeit vergeht. Der Wind bläst und der Regen prallt weiter an uns ab und läuft herunter. Plötzlich sagt der Mann neben mir mit einer derart geschundenen zerrissenen Stimme: „Meine Seele ist so wund.“ Ich nicke. Weiß nicht, was ich sagen soll. Stille kehrt wieder ein. Dann frage ich ihn: „Und, wie geht es jetzt weiter?“ Er greift in seine Tasche und holt einen alten Revolver heraus und legt in zwischen uns auf die Brüstung. Ich blicke den Revolver an und danach wende ich meinen Blick wieder der Oder zu. Nüchtern werfe ich dem Mann „So einfach ist das?“ zu. „Nein!“, antwortet er und fügt hinzu: „Aber notwendig!“. „Notwendig“, wiederhole ich und beginne darüber nachzudenken. „Notwendig“, sage ich in meinen Gedanken immer wieder. „Notwendig.“ „Hast du Hunger?“, fragt mich der Fremde. „Nein“, antworte ich ihm und seufzte dabei schwer. „Und du?“, frage ich ihn. Der Mann antwortet nicht. Er nimmt den Revolver und steckt ihn wieder zurück in die Tasche. Dann geht er an der Oder entlang, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich schaue ihm hinterher und hoffe, dass er sich noch einmal umdreht. Macht er aber nicht.
Tage später laufe ich wieder an der Oder entlang. In einer Pfütze vor mir liegt eine aufgeweichte Zeitung. Auf der Titelseite ist ein Bild von einem Toten abgedruckt. Ich nehme die Zeitung und lese die Überschrift. „Mann erschießt sich am Wannsee.“ Ich überfliege den Artikel und lese, dass der Mann, bevor er sich erschossen haben soll, ausgiebig gefrühstückt hatte. Zeugen berichten, dass er sehr heiter und ausgelassen wirkte. Auch soll bei ihm eine Frau gewesen sein. Auffällig war, dass beide schon in den Morgenstunden aus Weinflaschen tranken.
Langsam lasse ich die Zeitung fallen und gehe weiter an der Oder entlang. Ich bleibe an dem Platz stehen, wo ich zuletzt den fremden Mann traf. Lange blicke ich auf die Oder, dann sage ich leise zu mir selbst: „Warum am Wannsee?“



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